Stoff, aber keine alten Bücher in Piter

Piter, so nennen die Bewohner von Sankt Petersburg liebevoll ihre Stadt. Das sagt unser Reiseführer. Ob das stimmt?

Am Mittag Stoff und am späten Nachmittag alte Bücher und dazwischen Blinis im Botanika, dem ältesten vegetarischen Restaurant der Stadt. So war der entspannte Plan für heute.

Eine deutsche Nähfreundin, die in Sankt Petersburg lebt, hat mir vier verschiedene Stoffläden gezeigt. Zu zweien bin ich heute gefahren.

Mit der Metro. Karl und ich fahren sehr gerne Metro und kennen uns schon sehr gut aus mit den 5 Linien. Eine 6te ist erst im Bau. Es ist wirklich interessant, die Petersburger zu beobachten, ein wenig vom Leben der Menschen mitzubekommen. Leider gibt es keine Kontakte. Es ist nicht üblich, sich anzuschauen geschweige denn anzulächeln. (Karl: aber manchmal werden uns auch Sitzplätze angeboten!) Auch wenn die Bahn voll ist, schauen alle mehr ins Leere oder in ihre Handys oder Bücher. Einige schlafen auch. Sogar auf den langen Rolltreppen schließen sie für 3 Minuten ihre Augen. Heute waren besonders viele junge Soldatinnen und Soldaten in grünen und blauen Uniformen unterwegs. Da kann spekuliert weden warum. Karls Idee war, dass die gerade zum Mittagessen zu ihren Müttern fahren.

Die beiden Stoffgeschäfte, die ich besucht habe, sind in der Nähe des Finnischen Bahnhofs. Ein mächtiges Gebäude aus dem Jahr 1950. Auf dem  Bahnhofsvorplatz steht eine hohe Leninfigur. Lenin kam hier in diesem Bahnhof aus der Emigration aus Deutschland bzw der Schweiz in Russland an. Da war stand noch das alte Gebäude. Hier ist von der der Fußballweltmeisterschaft und den FIFA-Plakaten  noch nicht so viel zu sehen, aber auch hier wird alles bereit gemacht. Gerade werden die großen Brunnen gereinigt. Überhaupt fällt uns in der ganzen Stadt auf, wie sauber es ist, viel sauberer als bei uns. Kein Müll liegt herum. Nur die kleinen Mülleimer quellen gegen Abend über von Plastikflaschen und Kaffeebechern, aber sie werden rasch geleert.

Nach einigem Hin und Her finde ich die Stoffläden. Viel Stoff, völlig anders präsentiert als ich es gewohnt bin. Und auch ein ganz anderes Angebot. Wenig Jerseys, viel zum Teil richtig gute Wollstoffe. Karl und ich versuchen die verschiedenen Fasern zu lesen und zu verstehen. Es gelingt zum Teil. Viele russische Bezeichnungen klingen ähnlich wie die deutschen, wenn die Hürde der kyrillischen Buchstaben genommen ist.

Ich komme mir ein wenig vor wie mein Enkel, als er Lesen gelernt hat. Ständig buchstabiere ich vor mich hin, sage das Wort halblaut und verstehe erst dann den Sinn (wenn ich das Wort kenne). Es gibt viele ähnliche Worte. Das erleichtert die Orientierung ungemein. Heute lerne ich: TKANEIJ = Stoffe

Ich kaufe im ersten Stoffladen zwei Stoffe. Einer ist unbekannter Herkunft, ein stark reduzierter Rest mit einem leuchtenden blau schwarzen Karo und ein sehr schönes dunkelorange-blaues Leinenstück. Es ist wie früher im Bürgeramt. Erst bestellen, dann an dem kleinen Kassenhäuschen bezahlen und dann zurück zur netten Stoffverkäuferin, die die Belege kontrolliert und den Stoff einpackt. Netter Kauf!

Im zweiten Laden finde ich nichts, aber auch hier wird der Stoff ungewöhnlich präsentiert:

Pause im Botanika. Dieses vegetarische Restaurant gefällt uns gut. Heute sitzen wir lieber nicht draußen. Es weht starker Wind, aber auch innen ist es schön. Das Essen ist wirklich gut, die Bedienung sehr freundlich und aufmerksam. Und unsere Kellnerin spricht Englisch. Das Restaurant verkauft auch ein Kochbuch. Ich schaue es an und buchstabiere wieder einmal die Worte. Überraschung: auch bei Lebensmitteln, Obst, Gemüse und Kräutern gibt es viele Ähnlichkeiten in den Begriffen. Es sieht vorher nur immer so schrecklich fremd aus. Schaut mal:

Karl, der netteste und beste Ehemann der Welt schenkt mir dann das Kochbuch. Jetzt kann ich weiter russisch lernen und ihm gute Sachen kochen. Oder ich übersetze und er kocht. Das geht auch.

Nach einer längeren Nachmittagspause gehen wir erneut in die Stadt. Unsere Ferienwohnung liegt in einem der besseren Stadtteile und in den Tagen zuvor haben wir mehrere Geschäfte mit der Bezeichnung  антиквариа́т (Antiquariat) gesehen. Wie schon gestern befürchtet, gibt es dort aber leider keine Bücher sondern Antiquitäten. Vermutlich ist der Bestand an alten deutschen psychiatrischen Büchern in Sankt Petersburg auch gering und Bücher, die älter sind als 100 Jahre, dürfen sowieso nicht ausgeführt werden. Es ist also zu verschmerzen, auch wenn Karl noch mufflig guckt:

Statt auf Bücher achten wir also mehr auf alte Häuser. Manchmal können wir über zwei Höfe hindurch und durch große Tore von einer Straße in den andere gelangen. Meistens sind diese Hofanlagen aber mit Gittertoren für den öffentlichen Verkehr abgesperrt.

Und davon gibt es hier wirklich beeindruckende renovierte und unrenovierte Exemplare:

und das rechte müßte das sog. maurische Haus an der ul. Pestelja sein, in dem Joseph Brodsky, der russische Nobelpreisträger für Literatur aus dem Jahre 1987 gelebt hat. An ihn erinnert an dem stark vernachlässigten Haus nur die kleine Tafel. Brodsky wurde auch wegen seiner Arbeiten zu Zwangsarbeit verurteilt und dann in den 70er Jahren ausgebürgert.

Noch ein paar weitere Impressionen:

„ich bin nicht Konfuzius“, müßte das rechts heißen

 

 

 

 

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Mechthild Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. Christine
    Juni 10
    Antworten

    Der karierte Stoff steht Dir sicher super! Bin sehr gespannt. Der Leinenstoff sieht unverwüstlich aus. Auch noch in 50 Jahren ein brauchbares Kleidungsstück…..:)

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