letzter Tag in St. Petersburg

heute ist es deutlich kühler, es regnet sogar. Ist die Schafskälte jetzt auch in Russland angekommen? Typisches Wetter für einen letzten Museumsbesuch, und wie schon angekündigt gehen wir heute in das Ethnographische Museum. Das machen wir eigentlich in jedem Land, und wenn auch meist – so auch hier – kaum Informationen in Englisch oder Deutsch gegeben werden, ist es doch immer wieder auch interessant, die Trachten und Darstellungen der Lebensweise unterschiedlicher Völker zu sehen. Gerade die Russische Föderation hat ja sehr viele Ethnien auf ihrem Gebiet, und auch hier geht es vom westrussischen – sehr europäischen – Teil incl. Baltikum über den Kaukasus bis nach Asien und auch hoch zur Arktis.

Überhaupt wird in dieser Ausstellung das gesamte Russische Reich inbegriffen incl. der Gebiete, die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts dazu gehörten, also Baltikum und Finnland und Georgien und Azerbeidschan. Ein paar Photos hier zur Anschauung von mir:

und ein paar von Mechthild:

Ich,  Mechthild, habe Fotos unter zwei Aspekten gemacht. Bimbambuki, die in Petersburg wohnende Nähfreundin, macht wunderbare Quilts und ich ziehe zum ersten Mal in Erwägung, auch so einen zu machen. Da lag es nahe zu schauen, was es dazu hier im Museum gibt:

Auch kleinste Stofffitzel sind verarbeitet worden, bei dem Gürtel ist das gut zu erkennen.

Ein zweites Thema waren für mich heute Schnitte, wie ich sie auch bei moderner Kleidung aktuell finde. Ein Jungenpullover (Patent oder auch Halbpatent) und eine Damenjacke (besonders der gekräuselte Rücken und nicht aus Denim auch wenn es so aussieht) sind hier meine Beispiele. Ich habe aber noch mehr gefunden:

Und dann waren da noch die Falten von diesem Rock:

 

Mindestens  ebenso interessant fand ich (Karl), dass das Museum voll war von Kindern unterschiedlichen Alters, die über die Säle verteilt vor den Schaukästen saßen und zeichneten oder malten. Als eine neue Klasse kam, sah ich dass jedes Kind seine eigene Tasche dabei hatte mit Klappsitz und Brett zum Festklemmen des Papiers und Stifte und/oder Farbe. Zusätzlich war es wohl obligatorisch, ein oder zwei Plastiktüten mitzubringen, die die Kinder vor sich auf den Boden legten und auf denen ihr Hocker und ihre Füße standen. Ganz offensichtlich ist es in Russland üblich, Kinder früh in Museen zu führen und ihnen z.B. in diesem Teil des Museums der Russischen Geschichte etwas über ihre Heimat und ihre Nation zu zeigen. Sehr beeindruckend! Schon auf dem Weg hierhin hatte ich eine kleine Gruppe mit Lehrerin gesehen, die aber frierend in einem Hauseingang malen mußten.

In einer Ecke im asiatisch-muslimischen Teil lief eine DVD mit einem Film über ein dörfliches Fest anläßlich der Beschneidung eines armen Knaben. Diese selbst wurde nicht gezeigt, aber kurz vorher konnte man sehen, wie der „Operateur“ sein Rasiermesser schärfte und wie hinterher der weinende Junge auf dem Bett lag mit einer wahrscheinlich kühlenden Kompresse auf dem Unterleib. Zahllose Erwachsene kamen, die Männer gratulierten ihm offensichtlich, die Frauen trösteten ihn, alle aber steckten ihm Geldscheine zu, so dass er dann mit fast getrockneten Tränen kleine Berge von Geldscheinen um sich herum liegen hatte. Ob er die behalten durfte, weiß ich nicht.

Ich finde, das Museum lohnt einen Besuch, zumal es auch ein bemerkenswertes Gebäude ist mit einer riesigen Eingangshalle aus rotem Marmor und hohen Säulen. Zar Nikolaus II. – das ist der, der mit seiner Familie von den Bolschewiki erschossen wurde – wollte wohl seinem Vater mit diesem Museum eine Reverenz erweisen.

Etwas weiter an nächsten Strassenkreuzung setzten wir uns dann in das Cafe Stolle, lt. Reiseführer der berühmteste Hersteller von Piroggen in Sankt Petersburg. Sowohl süß (mit Kirschen) als auch deftiger (mit Lachs) ein Genuß in einem Lokal, was ein bißchen Wiener Atmosphäre verbreiten möchte. Es gibt noch einen Stolle am Newskij Prospekt, aber wir waren in der Dependance Ecke Sadowaya ul. – Inschenernaya ul.

Das war’s dann mit der offziellen Petersburger Kultur. Zurück im leichten Regen, Nachmittagsschläfchen, zum Tagesabschluß Kaffee und Abendessen bei sehr netten Familie von Mechthilds Nähfreundin. Ich habe dann noch zwei Grundtatsachen über die Petersburger gelernt:

1. sie gegen nicht in der Mittsommerzeit nach draußen, um die hellen Nächte zu bewundern, sondern ziehen die Gardinen dichter zu, damit sie besser schlafen können

2. sie gehen nicht nachts an die Newa, um zu sehen, wie die Brücken hochgezogen werden

Wir sind heute übrigens nicht mit der Metro gefahren, weil alles fußläufig erreichbar war. Ich habe mal überschlagsmäßig gerechnet, dass jeder von uns beiden an den Petersburger Tagen bei der Metronutzung etwa 2,5km Rolltreppe gefahren und noch ca. 1,5km unterirdisch gelaufen ist auf den Bahnhöfen und in den Tunneln, die die einzelnen Bahnhöfe verbinden. Die Metro und die Petersburger Nutzer müssen insgesamt sehr gelobt werden: die Bahn fährt sehr häufig und schnell, ist sauber, auch im stärksten Gedränge im Feierabendverkehr gibt es keine Rempeleien oder aggressiven Verhaltensweisen! Älteren Leuten wird oft ein Platz angeboten, lediglich die Generation der Smartphone-Starrer scheint das vergessen zu haben.

Nun denn: morgen geht es dann in Richtung Karelien!

 

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Karl Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Christine
    Juni 10
    Antworten

    Den Rosnequilt finde ich wunderschön…. mal wieder etwas einseitig was rausgepickt… !:) Dass die Lehrerin friert finde ich ungerecht, ist doch klar, oder? Dafür waren die Kinder sicher sehr brav. Das wärmt die Seele und dann geht es wieder.

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