etwas verirrt in Karelien

Von Sortavala sind wir über die nördliche Spitze des Ladogasees an sein östliches Ufer gefahren. Bei  Il’inskyda, da wo die Olonza in den Ladogasee fließt, haben wir online ein Hotelzimmer gebucht.

Eine geruhsame, schöne Fahrt ist das duch das beschauliche Karelien am sonntagvormittag. Ein großer Teil des Landes ist mit Wald bewachsen, Nadelwald, an anderen Stellen Mischwald und immer und überall gibt es Birken.

Immer wieder begegnen uns große Holztransporter. Forstwirtschaft ist der wichtigste Industriezweig in Karelien. Als wir auf eine Nebenstraße abzweigen,  treffen wir auch auf Sägewerke. Wir wissen aber, dass der größte Teil des Holzes hier nicht verarbeitet wird. Der Profit bleibt nicht im Land. Nur ganz wenig landwirtschaftliche Fläche gibt es.

Die meisten kleinen Orte haben Holzhäuser. Viele in silbergrau, vom Wetter ausgeblichen, hin und wieder aber auch bunt angestrichen, manchmal sogar mit bunten Dächern. Die niedrigen Häuser schmiegen sich gut in die hügelige Landschaft. Viele dieser oft alten krummen Häuser werden noch bewohnt, wie die bearbeiteten Gärten und die Wäsche auf der Leine anzeigen. Ich stelle mir vor, dass die Holzhäuser leben und sich bewegen, mal aufrichten und dann wieder zusammensinken. Diese Idee kommt dem Karl wunderlich vor. Hier wird aber anschaulich, dass dies das „echte Russland“ ist und weit entfernt von den „europäisierten“ Städten wie Moskau oder St. Petersburg.

Das Wetter ist gut, die Sonne scheint, in in vielen Gärten wird gearbeitet. Kleine Gartenfeuer blasen Rauch in die Luft. Die Natur ist hier noch nicht so weit wie in Bielefeld. Kirschen sind noch lange nicht reif, obwohl sie auf dem Markt schon verkauft werden. Der Flieder blüht noch und Tulpen sehe ich auch. Wir sind eben schon weit im Norden. Wenn wir in eine der kleineren Städte kommen, hört die Beschaulichkeit auf. 5-stöckige, oft schlecht oder gar nicht renovierte, graue Plattenbauten, lieblose Spielplätze, mit mickrigen Blumen bepflanzte LKW-Reifen, manchmal dazwischen neue, bunte orthodoxe Gotteshäuser. Die meisten Menschen am sonntagmorgen gehen aber einkaufen. Die Lebensmittelläden haben geöffnet. Ja, gibt es in diesem Staat denn keine arbeitnehmerfreundlichen Arbeitszeitregelungen?

Es muss erbitterte Kämpfe in den beiden vergangenen Kriegen gegeben haben. Immer wieder stoßen wir auf Denkmäler, die entweder an 1939-1940 (Winterkrieg Finnland gegen Rußland) oder an 1941-1945, den „Großen Vaterländischen Krieg“ erinnern. Oft sind sie frisch bemalt und es gibt viele bunte Kränze mit Blumen aus Plastik.

Unser Hotel ist nicht einfach zu finden. Das Navi kennt weder den Ort noch die Straße, aber die Koordinaten. Ein neues Hotel ist das, voll belegt von Familien und jungen Leuten aus Sankt Petersburg, die hier ein paar Tage ausspannen. Eine junge Frau hilft bei der Übersetzung während des Eincheckens und der Speisekarte. Später haben die beiden jungen Frauen, die für das Hotel zuständig sind, für uns die Abendspeisen in Restaurant ins Englische übersetzt. Ein sehr freundlicher Service.

Nach einer kurzen Pause fahren wir nachmittags in die nahe „Groß“-Stadt mit 9.000 EW. Olonez ist eine der älteren karelischen Städte, 1137 erstmals erwähnt. Beim Durchfahren sehen wir davon nichts. Die gleichen grauen Plattenbauten wie so oft. Schade. Wenn wir ein besseres Internet haben, werde ich mal nachschauen, ob ich irgendetwas finde über die Geschichte.

Der Rückweg ist dann ein Abenteuer. Es gibt nur diese eine Straße, die uns wieder ins Hotel führt, immer am See entlang und dann noch 1,8 km  in Richtung See. Wir verpassen aber die Abfahrt und weil das Navi uns völlig unrealistische Wege zeigt und wir die gute Landkarte im Zimmer gelassen haben, fahren wir mehr als 60 km zu weit, immer am See lang und mit einem immer schlechteren Gefühl. Es wird später und später, wir werden immer unsicherer. Nachfragen ist schwierig. Am Ende erklärt eine junge Frau, der Karl die Adresse zeigt: wir sind auf alle Fälle im falschen „Landkreis“, viel zu weit im Norden. Also fahren wir zurück, immer wieder kopfschüttelnd darüber, wie das passieren konnte.

Wir wollten im Hotel Abendbrot essen, es wird aber immer später und später. So lange hat das kleine Restaurant doch sicher nicht auf. Für alle Fälle kauft Karl in dem gerade noch offenen Lebensmittelladen zwei Flaschen Bier, und es gibt ja noch Dosenfisch und Tomaten im Kofferraum. Kurz nach 22.00 Uhr sind wir da. Und es gibt noch Essen und es war noch warm! (Zitat nach Sendak, Wo die wilden Kerle wohnen).

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Mechthild Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Vor etlichen Jahren war ich mal in einer Ausstellung von Chagalls Frühwerken. Die Fotos von den Häusern haben mich sofort an seine Bilder aus Russland erinnert. Ich hab es gleich gegoogelt und tatsächlich, genau diese schiefen und krummen Holzhäuser sind zu sehen!
    Liebe Grüße
    Ilse

  2. Karl
    Juni 11
    Antworten

    Oh, das werde ich nach dem Urlaub anschauen.
    Danke für den Tip Ilse
    Gruß Mechthild

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