Petersburger Impressionen

wir sind noch etwas erschöpft vom gestrigen langen Tag, machen nach dem Frühstück noch etwas Mittagsschlaf und ziehen los Richtung Sommergarten. Das ist gar nicht weit weg von unserem Domizil. Wir können sogar durch die Hinterhöfe von Wohnkomplexen gehen, achten auf die Fenster und die Hinweise auf private Umbauten, wissen dabei, dass es im Stadtzentrum von Sankt Petersburg noch immer Tausende von Kommunalkas gibt, d.h. Wohnungen, die sich mehrere Parteien teilen bei gemeinsamer Sanitär- und Kücheneinrichtung.

Merkwürdige Türme stehen auf den Hinterhöfen, die wir durchqueren, keine Ahnung, was die bedeuten. In den Querstrassen, auf die wir dann kommen (z.B. die ul. Mohovaja und die ul. Pestelya), gibt es sogar mehrere Antiquariate!! Da muss ich doch morgen mal überprüfen, ob die alte Bücher haben oder vorwiegend nur Antiquitäten. Diese dicken Abfallrohre finden sich an allen Häusern und haben offensichtlich die Funktion, dem Wasser von den Dächern den Abfluß zu erleichtern, bevor es in den strengen Wintern zu Eis gefriert.

Ein kleiner später Lunch im vegetarischen Restaurant Botanica (unbedingt empfehlenswert!) beglückt uns mit diversen Blini mit und ohne Buckwheat (Buchweizen), bevor wir wieder mal uns der Geschichte stellen und das „Museum der Verteidigung und Belagerung Leningrad“ in den Jahren 1941-1944 besuchen. Sehr viele militärische und private Erinnerungsstücke werden präsentiert, mit Hilfe des (deutschsprachigen!) Audio-Guides kann man den Überblick behalten und die schrecklichen Jahre der Belagerung ein wenig mitfühlen. Der Befehl Hitlers, Leningrad zu vernichten durch Aushungern, weil man diese Stadt nach der Eroberung Russlands nicht mehr brauche, ist derart wahnsinnig, dass man es kaum fassen kann. Die ganze Belagerung ist sicher eins der größten Kriegsverbrechen begangen durch die deutsche Wehrmacht. Wieso haben die vielen nachgeordneten Chargen bis hin zum einfachen Soldaten da mitgemacht? Sie müssem doch gewußt haben, dass sie ein Verbrechen begehen.

Wenn man Russisch lesen kann, wäre das wahrscheinlich noch schlimmer, denn wir wissen nur theoretisch, dass da auch Tagebuchaufzeichnungen von Kindern präsentiert werden, die beschreiben, wie ein Familienmitglied nach dem anderen verhungert und stirbt. Grauenvoll, aber ein Muß für jeden, der mehr als ein paar Stunden in Sankt Petersburg bleibt.

Danach muss es anspruchsloser werden, d.h. wir schlendern durch den Sommergarten in Richtung Erlöserkirche, die wohl mit zu den am häufigsten photographierten Objekten der Stadt gehört. Alexander III. hat sie an dem Platz errichten lassen, an dem sein Vater ermordet worden war; in der Kirche gibt es an der Stelle des Attentats auch einen Gedenkschein. Die Kirche ist voller Touristen, die die unzähligen Mosaike bestaunen und photographieren; eigentlich ist es gar keine Kirche, sondern ein Gedenkort, in dem auch Souvenirshops ihre Ware anpreisen. Ich nehme deswegen meine Mütze auch gar nicht erst ab und beschränke mich darauf, ein paar Photos zu machen.

Interessant finde ich, dass in der Umgebung der Kirche schon viele Gebiete abgesperrt sind und Flaggen und Schilder auf Veranstaltungen der Fifa bei der Fußball-WM hinweisen. Es sieht sehr so aus, als werde diese mafiose Organisation auch ohne Blatter jede Möglichkeit nutzen, den Fans Geld abzuknöpfen, wenn sie irgendetwas sehen wollen außerhalb des Stadiums.

An den vielen Souvenirständen sind doch diese Köpfe auch bemerkenswert:

Nun, wir gehen weiter in Richtung Fontanka (ein Kanal), sehen ein Reiterdenkmal Peters des Großen, gestiftet von seinem Urenkel Paul, der wiederum selbst auf dem Innenhof des Michailowskij-Schlosses in nahezu lächerlicher Form in Bronze gegossen klein und mickrig auf einem Pseudothron hockt.

Abendessen in einem guten Restaurant direkt neben „unserem“ Haus schließt den Tag ab, dann noch ein Besuch in der Annenkirche (s. Beitrag Mechthild)

 

 

 

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