Nowgoroder Kreml (Detinez)

bei weiterhin sonnigem Wetter betreten wir heute erstmals das Kreml-Gelände. Die mächtigen roten Mauern entstanden Ende des 15. Jahrhunderts nach Moskauer Vorbild und sie sind bemerkenswert gut erhalten; allerdings fehlen 4 von den ursprünglich 13 Türmen. Wir kommen vom Lenin-Platz her und sehen gleich rechts als erstes eine Gedenkanlage mit ewigem Feuer und vielen Kränzen geschmückt mit Blumen in den russischen Farben. Ganz offensichtlich ist es eine Gedenkstätte an den letzten Krieg, denn das Wort „naroda“, welches ich zu entziffern meine, hat was mit „Nation“ oder „Volk“ zu tun.

Das gesamte Gelände ist sehr auch durch den Stolz auf die lange russische Geschichte geprägt, und im Mittelpunkt des Geländes steht das riesige Denkmal von 1862, errichtet zur Feier der Gründung Russlands vor 1000 Jahren. Unser Kulturführer deutet die Anordnung der Figuren so, dass in einer Zeit des drohenden Auseinanderdriftens der Nation durch patriarchalische und autokratische verkrustete Strukturen der Bildhauer Mikeschin die heile Welt beschwor: über der Zarenkrone ragt das Kreuz der orthodoxen Kirche auf und der Engel segnet das personifizierte „Mütterchen Russland“. Hier drängelten sich die Touristengruppen mit russischer, französischer, japanischer und auch deutscher Führung.

Von außerhalb des Geländes ertönte Musik, die uns neugierig machte. Von der Brücke, von der wir gestern schon auf den Badestrand vor der Kreml-Mauer schauten, sahen wir, dass auf dem Wasser etwas los war, und zwar offensichtlich fand die Regatta statt, die schon auf einem Plakat angekündigt worden war. Gerade kam auch der übliche Offizielle mit der obligatorischen Begleitung durch die Presse heran und marschierte durch den Sand zu einer Ansammlung von Menschen. Wir verstanden ja leider nichts, aber schlossen aus dem Gesehenen, dass wohl Boote mit Solarantrieb (!) das Rennen machten. Verschiedene Modelle mit teils großen Solarpanels waren zu sehen, alle sahen sehr nach Eigenentwürfen und -herstellung aus. Vielleicht ja eine Art „Seifenkistenrennen auf dem Wasser“?!?

Zurück im Kreml besuchten wir dann das Staatliche Nowgoroder Museum bzw. das Gebäude, welches drei Abteilungen des weit verteilten Museums enthielt: „Geschichte des Nowgoroder Landes von den frühesten Zeiten bis zum Ende des 17. Jahrhunderts“, „Russische Ikonen vom 11.-19. Jahrhundert“ sowie „Holzschnitzkunst vom 14.-17. Jahrhundert“. Die beiden ersten Abteilungen waren für uns ganz interessant, die letzte haben wir ausgelassen. Als ein informatives Beispiel aus der ersten Abteilung möchte ich erwähnen, wie die Nowgoroder ihre Strassen in dem primär sehr sumpfigen Gelände bauten: sie bauten sie aus Holz! Dicke Stämme wurden aufeinander gelegt, eine Schicht hielt im Schnitt 20 Jahre. Wenn das umgebende Gelände höher geworden war, kam die nächste Schicht Balken drauf, und man hat lt. Audioguide alte Strassen gefunden, die aus 28 Schichten Holzbalken entstanden!

Die Ikonen haben mich mehr interessiert als Mechthild, aber ich habe mir auch nur einige Zimmer angetan mit sehr alten und auch beeindruckenden Werken. Irgendwie wird es dann aber doch auch langweilig mit den immer gleichen Motiven der Heiligen und des Neuen Testaments, da ist so wenig Bewegung und Ausdruck.

In einem Nebenraum (lt. Inschrift über dem Eingang eigentlich „Bibliotheks-Saal“) gab es dann Material aus der Zeit des letzten Krieges: Bilder, Uniformen, Waffen, Fahnen, Plakate usw. Nowgorod war insbesondere Anfang 1944 Schauplatz erbitterter Kämpfe, die dann auch zur Beendigung der Leningrader Blockade führten.

Insgesamt hinterließ der Besuch dieses Museums das Gefühl, dass doch etwas fehlte. Wir hätten gern auch eine Abteilung besucht, in der die Entwicklung der Neuzeit nach dem Krieg und nach dem Ende der UdSSR beschrieben wäre mit Informationen über den jetzigen Stand von Wirtschaft und Politik in der Stadt (und vielleicht auch mit Erwähnung der Städtepartnerschaft zu Bielefeld). Die Konzentration auf alte Kirchen ist doch auch mächtig, aber trotzdem stehen morgen auch ein paar derartige Besuche an.

Heute haben wir uns wieder Pelmeni und danach schlaffe Stunden gegönnt, die in süße Strudel und gefüllte Blätterteigteilchen übergingen. Unbedingt zu empfehlen (auch für zuhause).

Und dann das Champions League Finale mit russischem Kommentar zu sehen, schließt den Tag gut ab. Was für ein tolles Fallrückzieher-Tor von Bale! Und was für eine Tragik mit dem Liverpooler Torwart!

 

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