Estlands Nordosten

mit der Fähre heute von Helsinki nach Tallin. Diese Fähre – „Megastar“ – ist von ganz anderem Charakter als die, die wir bisher kannten. Von Italien nach Griechenland und von Travemünde nach Helsinki war immer klar, dass es um Überbrückung einer großen Strecke ging, also um eine Reise, auf der Megastar ging es eindeutig um Konsum, Shopping, Amusement, Spaß haben. Auf mehreren Decks gab es verschiedenste Bars und Restaurants, eine kleine Band spielte life, Dutzende von Spielautomaten waren in Benutzung, überall wurde Bier getrunken (bzw. von den Damen ein Pikkolöchen), ein großes Shoppingcenter bot – zu hohen Preisen – Alkoholika, Parfums, Schmuck usw. an. Ich kann mir vorstellen, dass es viele Tagestouristen gab, die sich auf dem Schiff schon einstimmten auf einen Tag in Tallin.

Ein bißchen wehmütig wurde mir aber doch, als wir in den Hafen einliefen und ich die Stelle am Strand beim alten Gefängnis sehen konnte, wo Mechthild und ich vor einem Jahr standen und die einlaufenden Fähren von Finnland sahen. Jetzt saßen wir selbst auf einer solchen. Nun denn, wir blieben Durchreisende und setzten uns nach der Landung in Richtung Narva-Russland in Bewegung.

Da wir Zeit hatten (es war bei der Ankunft Mittag), bogen wir nach einer Weile von der Autobahn 1 ab in Richtung Meer und besuchten den Nationalpark Lahemaa, den größten Estlands und den ersten der damaligen Sowjetrepublik. Wir besuchten den kleinen Ort Palmse, die Fischerdörfer Vosu und Käsmu mit ihren alten Holzhäusern und restaurierten Gutshäusern

wären auch gern mal ins Wasser gesprungen, weil es so herrlich warm war, aber das Wasser hatte bestimmt erst 13-14 Grad, zu wenig für uns sauna-ungeübte Weicheier. An der Spitze der Halbinsel Käsmu haben wir die vielen teils riesigen Findlinge bestaunt, die seit der letzten Eiszeit dort im Wasser liegen.

Zu einem großen Haufen solcher Granitsteine gibt es die nette Geschichte, dass der schwedische König Gustav Adolf II. hier im schweren Sturm fast strandete, als Dank für seine Rettung seinen Namen in einen Stein ritzte und jedem, der auch einen solchen Stein dort ablegte, Glück versprach. Viele folgtem dem und der Haufen wurde ziemlich groß, bis die Sowjets alles abrissen und die Steine ins Meer warfen. Die erklärendeTafel erwähnte, dass diese Handlung dem Strand kein Glück gebracht habe, denn die Stürme der folgenden Jahrzehnte hätten ihm sehr geschadet. Jedenfalls gibt es wieder einen solchen Haufen, weil alle möglichen abergläubischen Leute ihn wieder aufbauen seit 1973.

Danach weiter auf der A1 Richtung Russland. Diese Strecke ist uns ja teilweise schon von letztem Jahr bekannt, als wir von Tartu Richtung Tallin fuhren. Sie fast überall 4-spurig, hervorragend ausgebaut (mit EU-Geldern, wie verschiedentlich auf Schildern erwähnt wird) und fast immer kilometerlang schnurgerade. Geschwindigkeitsbegrenzung meist 90km/h, immer wieder auch Radarkontrollen, auf die aber freundlicherweise rechtzeitig hingewiesen wird. Die Landschaft ist wenig abwechslungsreich, einzelne Gehöfte sind weit voneinander entfernt, es sind Wälder und Wiesen, kein Getreide, keine Gemüse, Kartoffeln oder so etwas ähnliches.

Die knapp 200km von Tallin nach Narva sind so gerade auszuhalten, noch weitere 200km würden die Monotonie verstärken und Müde machen. Am späten Nachmittag dann Ankunft in Narva, Einchecken im Hotel Inger, ausruhen, Abendessen. Morgen haben wir einen ganzen Tag zum Erkunden der alten Stadt und vielleicht auch für kleine Ausflüge.

Morgen auch mehr zur Geschichte dieser Stadt, hier nun schon mal der Hinweis, dass es schon fast russisch ist. Ca. 90% der Bewohner sprechen Russisch. Speisenkarte in Finnisch-Russisch-Englisch, wir können probieren, wieviele kyrillische Buchstaben wir entziffern können. Toller Fisch als Vorspeise, Spezialität von Narva: Lamprey (engl.) – минога (russ.) – Neunauge (dt.)!

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