noch mehr ueber Gdansk

Unser polnischer Erkältungsvirus ist ziemlich infektiös, aber schnell wieder weg. Mir geht es viel besser, aber es hat jetzt Karl erwischt. Am Morgen mache ich mich also alleine auf den Weg.

Ich möchte noch einen Ausstellungskatalog vom Museum des zweiten Weltkriegs kaufen. Es gibt ihn in polnisch und in englisch, aber nicht im Museum, erfahre ich vor Ort. Überhaupt funktionieren verschiedene geplante Dinge dort noch nicht, kein Büchershop, kein Cafe, keine schriftlichen Pläne durch das verwinkelte Haus. Das alles hat mit den erheblichen Budgetkürzungen zutun. Ich werde also den Ausstellungskatalog in Deutschland online bestellen. Anders geht es nicht, findet die freundliche junge Frau an der Information für mich heraus. Wir sind beide einig: crazy, very crazy.

Auf dem Rückweg suche ich mir andere Straßen aus und lass mich überraschen.

Danzig Post 1

Zuerst komme ich an diesem riesigen Edelstahldenkmal vorbei, der alten Post von Danzig. Daneben gibt es ein in diesem Haus ein kleines Museum und auch noch eine Poststelle. Polen wurde mehrfach aufgeteilt, seine Landesgrenzen beschnitten, zuletzt sogar nach Westen verschoben und es gab merkwürdige Landesgrenzen. Wir haben das alle in Geschichte gelernt, ich hatte ganz viel davon vergessen. Der Ausdruck „freie Stadt Danzig“ war mir aber im Gedächtnis ohne genau zu verstehen, was das wirklich bedeutet. Die Post und das Denkmal haben damit zu tun: Nach dem ersten Weltkrieg, im Versailler Vertrag 1920 wurde die Stadt vom deutschen Reich abgetrennt und eine freie autonome Stadt unter dem Mandat des Völkerbundes. In der Stadt lebten 95 % Deutsche aber auch eine kleine Minderheit von Polen. Hafen und Zoll standen unter polnischer Verwaltung und sie  konnten eine eigene Post unterhalten. Die deutsche Bevölkerung hatte erhebliche Ressentiments gegen die polnische Minderheit. Die schloss sich in eigenen Vereinen und Clubs zusammen. Am 1. September 1939 griff die deutsche Wehrmacht nicht nur das Munitionslager der Polen auf der Westerplatte vor Danzig sondern zugleich auch die polnische Post an. 6 Postbeamte starben bei dem Angriff, zwei wurden bei der Kapitulation mit weißen Fahnen in den Händen vor dem Amt erschossen, eine größere Gruppe der Verteidiger der Post wurden angeklagt und später als Partisanen erschossen. Erst 1997 wurden die Urteile in Deutschland revidiert. All das wird im Museum dargestellt, insbesondere die Geschichte der direkt ums Leben gekommenen wird ausführlich dokumentiert.

Danzig Post 2

Als nächste fällt mir die Brigittenkirche, ein großer alter roter Backsteinbau, auf. Auch so ein besonderer Ort in der speziellen Danziger Geschichte. Die Brigittenkirche ist die katholische Kirchengemeinde der Hafenarbeiter und insbesondere von Solidarność. Fahnen der Gewerkschaft, viel Gedenktafeln für wichtige Ereignisse, der weiße Mamorsarg des ehemaligen Kaplans Jankowski, des Beichtvaters von L. Wałęsa und Aktivist und Unterstützer der Gewerkschaft. Sein Leben und seine Beerdigung werden auf einem Bildschirm oben an der Kirchenwand fortlaufend gezeigt. Fernsehen in der Kirche, dass kenne ich auch nur aus Polen. Auch eines früheren Pfarrers der Gemeinde Jerzy Popiełuszkoder wird gedacht. Er wurde eben wegen seiner Unterstützung der Arbeiterbewegung ermordet und ist inzwischen als Märtyrer selig gesprochen. Die Kirche hat einen eigenartigen Charme. Das hängt mit den vielen Gedenktafeln und Geschenken zusammen, aber auch mit der speziellen Altargestaltung. Hier entsteht ein Altar ganz aus Bernstein. Kleine Teile sind schon vorhanden.

Danzig Brigittenkirche 1 Danzig Brig 2 Danzig Bri 3

Noch weiter finde ich mich vor den Markthallen wieder.

Danzig M Halle Danzig M Halle 2 Danzig M Halle 3 Danzig M Halle 4 Danzig M Halle 5

Und dann kreuze ich noch diesen wunderbaren stillen Kanal der mal eine Mühle angetrieben hat.

Danzig Kanal 1 Danzig Kanal Muehle

Und dann war da noch was mit dem Schriftsteller Grass (1927 -2015) und mit den Astronom Hevelius (1611 – 1678). Ach, eigendlich an jeder Ecke eine neue Geschichte, zu viel für diesen Bericht.

Danzig Helve

Karl: nachmittags machen wir dann eine Fahrt mit einem der zahlreichen Schiffe zur Westerplatte, diesem ehemaligen Seebad und dann befestigtem polnischen Munitionsdepot am Übergang der Weichsel in die Ostsee, wo der Zweite Weltkrieg real begann, indem das deutsche Schlachtschiff „Schleswig Holstein“ das Depot beschoß. Die polnischen Verteidiger hielten aber eine Woche lang den Angriffen auch aus der Luft stand.

Zu der Westerplatte fahren von der Innenstadt aus ständig Schiffe mit Besuchern, zwei davon als „Seeräuberschiff“ hergerichtet, was natürlich den Kids sehr gefällt, die das Schiff immer begeistert stürmen.

Ablegestelle Kinder auf Schiff

Auf unserem Boot waren mit uns nur noch 6 weitere Kunden, es war wirklich a….kalt im Wind. Während der Fahrt gab es laufend Erläuterungen zu dem, was wir rechts und links sehen konnten, erst polnisch, dann deutsch.

Jede Hafenrundfahrt finde ich spannend und die hier auch. Wir sahen die diversen Hafenteile, erfuhren, dass von den ursprünglich 17000 Arbeitern auf der ehemaligen Lenin-Werft nur noch 3000 beschäftigt seien, und es sah vorwiegend nach Reparaturdocks aus, was wir sahen.

Hafen1 Hafen3

Natürlich gab es auch Container, aber nicht diese ungeheuren Container-Türme wie im Hamburger Hafen. An einer Stelle war eine kleine Festung mit Turm aus Backsteinen zu sehen (das Fort Carre aus dem 16. Jahrhundert), der Turm war wohl der erste Leuchttum, auf dem nachts ständig ein Feuer brannte. Wenn er es nicht schon ist so soll er aber wohl auf die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes.

Carre

Die eigentliche Gedenkstätte de Westernplatte haben wir dann nicht besichtigt sondern sind nach wenigen Minuten Stop mit dem gleichen Schiff wieder zurück gefahren. Hier noch ein paar Bilder auf der Rückfahrt:

Bauboom Graffitifisch

 

 

 

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