Majdanek

heute Fahrt gen Westen in Richtung Breslau, wo wir demnächst für ein paar Tage eine Ferienwohnung beziehen werden. Ziel heute offen, erst mal Richtung Lublin. Mit etwas Zögern entscheiden wir uns dann, das dortige ehemalige KZ Majdanek zu besuchen. Es ist gut ausgeschildert, und wir sehen, dass das ganze Gelände des Lagers direkt neben dem riesigen Zentralfriedhof von Lublin liegt. Ganz viele Menschen gehen auf diesen Friedhof durch ein hohes, pompöses Portal, haben Blumen und/oder Kränze, besuchen Grabstellen, gehen zu aktuellen Beerdigungen (später hören wir auch auf dem KZ-Gelände eine Beerdigungsmesse per Lautsprecher rübertönen), das Friedhofsgelände ist durch eine Betonwand vom Lagergelände getrennt. Auf der anderen Seite des Lagers kann man dann „normale“ Besiedlung sehen und in der Entfernung die Hochhäuser von Lublin. Insgesamt ein irritierendes Arrangement, aber auch wieder „normal“.

Auf diesem weiten Gelände sind zahlreiche Baracken wieder aufgebaut, die z.T. geöffnet sind und Ausstellungen zeigen. Das Gelände ist wie damals umgeben von einem doppelten Zaunsystem, alles ist aber neueren Datums, auf den einzelnen Abschnitten (noch mit den deutschen Bezeichnungen „Feld I“ oder „Feld III“) sind Reste von den originalen Gebäuden.

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Es waren mehrere Besuchergruppen unterwegs, viele Juden (erkennbar an den Kippas) aus den USA oder auch aus Israel (erkennbar an den blau-weißen Fahnen, die sie trugen), aber auch eine deutsche Schülergruppe.

Es ist schwierig, die Eindrücke dieses Besuches in Worte zu fassen. Über die Geschichte von Majdanek ist viel geschrieben worden, das will ich nicht wiederholen, kann man nachlesen. Ursprünglich als Lager für sowjetische Kriegsgefangene geplant, wurde es rasch Sammellager für Juden, und in der berüchtigten „Aktion Reinhardt“ wurde es zum Vernichtungslager. 1944, als die Front wohl schon nahe kam, wurden die Baracken und das Krematorium abgerissen oder angezündet und die verbliebenen Häftlinge in andere Lager transportiert.

In einzelnen wieder aufgebauten Baracken und in einer zentralen Ausstellung wurde diese Geschichte dargestellt, und besonders beeindruckend und bedrückend waren natürlich Berichte von Überlebenden, die z.B. beschrieben, wie es ihnen ging, als sie ihre persönlichen Sachen abgeben und sich nackt ausziehen mußten, um mit Desinfektionsmitteln geduscht zu werden. Ich stelle mir vor, dass dies am einschneidendsten gewesen sein muss für einen Lagerinsassen, täglich demonstriert zu bekommen, dass man ein Nichts war, als Person und Persönlichkeit völlig unbedeutend und jederzeit auslöschbar durch einen Willkürakt der Machthaber.

Mich beschäftigt aber auch immer noch die Frage, wie die Soldaten oder SS-Angehörigen, die die Befehle der Vorgesetzten zur Tötung von jüdischen oder polnischen oder russischen Menschen ausführten, das mit sich selbst klären konnten, weil ich schon annehme, dass nicht alle dieser Täter überzeugte Mörder waren, sondern eigentlich auch ein Gewissen gehabt haben müssen, was ihnen „normalerweise“ das Töten eines unschuldigen Zivilisten verbot.

Das sind so Fragen, die einen mitnehmen, wenn man solch eine Stätte besucht, und ich muss schon sagen, dass ich nicht damit gerechnet habe, dass mir diese Stätten so massiv begegnen. Ganz viele der Orte, die wir im Osten von Polen besucht haben oder an denen wir vorbeifuhren, sind auch Orte gewesen, an denen es Lager und Vernichtung gab.

Wir waren beide recht mitgenommen nach diesem zweistündigen Marsch in der Hitze über das Lagergelände, und das äußerte sich auch in Spannungen zwischen uns bei der Frage, wo wir denn nun eigentlich heute unser Lager aufschlagen und schlafen sollten. Lublin schied dann aus, wir kamen zu keiner Einigung und fuhren dann einfach weiter, um die Distanz zu Majdanek zu vergrößern. Letztlich landeten wir in einem kleinen Ort an der Weichsel (Puławy) und  fanden ein Hotel direkt am Fluß, was uns dann wieder erdete .

Weichsel

 

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Karl Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Mai 19
    Antworten

    Eure Stimmung kann ich gut nachvollziehen. Im KZ bei Antwerpen und in Yad Vashem in Jerusalem ist es mir ähnlich gegangen.

    Eure Reiseberichte gefallen mir sehr, in Gedanken reise ich immer mit. Auf den Bericht über Breslau bin ich gespannt, meine Mutter stammte von dort. Sie ließ sich aber nicht überreden, die Stadt und Umgebung wiederzusehen.
    Liebe Grüße
    Ilse

  2. Mechthild
    Mai 25
    Antworten

    Liebe Ilse,
    fahr alleine, ohne deine Mutter, nach Breslau, und entdecke die neue Stadt. Es lohnt sich sehr. Ich kann auch verstehen, dass Vertriebene keine Traute oder auch keine Lust wieder in ihre alte Heimat zu reisen. So viele Verletzungen, so viel ist anders.
    Schöner Gruß
    Mechthild

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