Kotor

wegen des häufigen Regens und weil alle Sehenswürdigkeiten von Virpadaz aus erkundet waren, fuhren wir heute einen Tag eher als geplant nach Kotor. Vorher besuchten wir noch den kleinen Wochenmarkt, auf dem einige Frauen im wesentlichen selbstgemachten Schafskäse, aber auch Wurst, Gemüse und Pflanzen für den Frühlingsgarten anboten.

Markt Virparaz Markt2 Virparaz

Wir konnten aus ihrer Mimik schließen, wie amüsant sie es fanden, dass wir lediglich 2-3 Stück Käse kauften und kein Kilo, was wohl normal gewesen wäre.

Danach noch Frühstück im Hotel Pelikan und Besuch des dortigen „Museums“ im 3. Stock. Das ist ein nahezu undurchdringliches Sammelsurium von allen möglichen und unmöglichen mehr oder weniger alten Gegenständen mit lokalem Kolorit, was der Besitzer oder Begründes des Hotels zusammengestellt hat. Von einer alten Feuerstelle wie auf einer Deele über Fischernetze und Kochlöffel und andere Werkzeuge und Kleidungsstücke war alles versammelt. Zufällig hielt eine Führerin für eine Gruppe gerade angereister Touristen einen Vortrag, dem wir kostenlos lauschten

Museum Pelikan2 Museum Pelikan3

Nach Kotor wollten wir, weil dies eine berühmte Stadt („Weltkulturerbe“) ist und um den Süden und Südwesten von Montenegro noch mehr kennenzulernen. Wir hatten ein Hotel in der Altstadt gebucht mit Parkplatzgarantie, aber es war erst einmal schwierig, dorthin zu kommen, weil diese Altstadt natürlich autofrei ist. Nach Telefonat kam aber rasch jemand vom Hotel und lotste uns zu einem Parkplatz, von dem aus wir noch ca. 300m mit Gepäck zu Fuß zum Hotel gehen konnten.

Ich hatte schon einmal einen Film über Kotor gesehen und wußte, dass da in der Hochsaison Tausende von Touristen sich durch die engen Gassen der Altstadt schieben; jetzt in der Vorsaison sollte das wohl nicht so schlimm sein. Allerdings war der erste Eindruck bei der Einfahrt in die Hafengegend schon etwas abschreckend, denn da lag eins dieser Riesenkreuzfahrtschiffe im Hafen und es war schon eine Menge los.

Ankunft Kotor Nepp

Der ganze Balkan ist ja ein erdbebengefährdetes Gebiet, wir hatten das ja auch schon für Skopje in Mazedonien erfahren, was 1969 nahezu völlig zerstört worden war. Kotor ist mehrfach durch Erdbeben zerstört worden, zuletzt 1979. Mit jugoslawischen und UNESCO-Mitteln wurde es wieder restauriert, und man kann natürlich an vielen Gebäuden sehen, dass es moderne Teile sind. Die Altstadt ist aber ein unglaubliches Phänomen: sie ist von einer Stadtmauer umgeben, die sich mit über 4km Länge vom Meer beginnend um die Stadt hoch auf den Berg zur Festung schlängelt. Mal ist sie 26m dick, mal 2m, die höchste Stelle mißt 20m. Die Stadtmauer gibt es in dieser Form seit mehreren hundert Jahren, unter der fast 400jährigen venezianischen Herrschaft wurde sie ausgebaut und verfestigt, immer wieder gab es auch schwere Kämpfe mit den Osmanen, die Kotor als strategisch wichtigen Punkt in Besitz bringen wollten, was ihnen natürlich auch gelang. Auch Piraten hatten sich hier gern zurückgezogen.

Mechthild und ich haben uns wiederholt darüber unterhalten, wie es denn den einheimischen Bewohnern der Altstadt mit diesem Ansturm fremder Menschen gehen mag (wenn sie nichts mit Hotel oder Gastronomie zu tun haben). Irgendwie müssen sie doch einen Weg finden, einen kleinen privaten ungestörten Bereich zu finden: vielleicht gibt es Innen- oder Hinterhöfe? Das „normale“ Leben geht jedenfalls auch hier weiter:

Normalitaet

Heute am ersten Tag haben wir uns auf ein gemächliches Bummeln zum Einstimmen beschränkt, hier mal ein Eis, dort mal einen Espresso. Ich hatte mir gesagt, dass es von dieser Stadt so viele Photos gibt, die man sicher im Internet finden kann, wenn man sucht, dass ich mich darauf konzentriere, Touristen zu photographieren. Fast alle stammen wohl vom Kreuzfahrtschiff, und deswegen war es wahrscheinlich, dass sie abends alle wieder weg waren, weil das Schiff dann wieder fuhr (was sich auch bewahrheitete).

Touris2 Touris

Abends gingen wir noch in die große recht neue serbisch-orthodoxe (erbaut 1902-09) Sv. Nikolaus Kirche, weil ja heute für die orthodoxen Christen Karfreitag ist (sie richten sich nach dem julianischen Kalender). Eine Weile haben wir wie damals in Bulgarien auch das Zeremoniell beobachtet und ich war durchaus beeindruckt davon, wie intensiv die Gläubigen ihre Rituale vollziehen (immer wieder sich bekreuzigen, immer wieder Heiligenbilder küssen, viele Kerzen anzünden), während mir das Verhalten der Popen eher fremd war. Der Weihrauchgeruch war dann auch ziemlich stark. Mal sehen, ob es morgen in der Osternacht einen Gottesdienst gibt.

Der Ausspruch Titos, der in das Eingangsportal zur Altstadt gemeißelt wurde und auf dem Beitragsbild zu sehen ist, lautet „Tude necemo svoje ne damo“ bedeutet übrigens ungefähr „was euch gehört wollen wir nicht und was uns gehört, geben wir nicht“. Darunter ist noch das Datum 25.XI.1944 zu sehen: an diesem Tag befreiten die Partisanen die Stadt von der deutschen Besetzung

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Karl Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Hannah Held
    21. November 2016
    Antworten

    „immer wieder gab es auch schwere Kämpfe mit den Osmanen, die Kotor als strategisch wichtigen Punkt in Besitz bringen wollten, was ihnen natürlich auch gelang“

    Soviel ich weiß, gelang den Osmanen diess natürlich – – – nicht!
    Weiterhin viel Freude auf Ihren Reisen
    wünscht Ihnen eine seit Jahren begeisterte (kreuz und quer) Balkanreisende

    • Karl
      24. November 2016
      Antworten

      Liebe Hannah, Sie haben Recht, die Osmanen haben Kotor nicht erobert. Es war ein paar Jahrhunderte lang serbisch, noch länger venezianisch (bis 1797), dann österreichisch und nach dem Ersten Weltkrieg im neuen Königreich Jugoslawien, bis es nach dem Zweiten Weltkrieg zu Montenegro kam. Danke für den Hinweis und weiter ebenfalls viel Freude auf dem Balkan!
      Karl

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