immer weiter Richtung Serbien: Pecs

wir wollten noch einen Tag in Ungarn bleiben, weil das Land sehr faszinierend ist und weil es zu heiß ist, lange Strecken zu fahren. Für die Strecke nach Pecs hatte ich extra auf dem Navi die Berücksichtigung von Autobahnen ausgeklammert, und so fuhren wir recht gemütlich die insgesamt 160km über die ungarischen Dörfer Richtung Süden. Auf dem Navi war übrigens bei der Eingabe „Pecs“ zu meinem Erstaunen „Fünfkirchen“ zu lesen. Aufklärung: in der Gegend lebten und leben viele sog. Donauschwaben, d.h. Nachkommen deutscher Siedler, die vor ca. 200 Jahren dorthin zogen. Sowohl in Ungarn als auch in Serbien haben diese dann in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts viele Sympathien verspielt, weil sie sehr mit den Nazis sympathisierten, gern und freiwillig in der Wehrmacht dienten und dann nach dem Krieg deswegen bestraft, vertrieben, interniert wurden. Jetzt sollen noch etwas über 100.000 Donauschwaben in der Gegend um Pecs leben, aber die paar Ungarn, die ich in Pecs nach ihnen fragten (incl. einer Buchhändlerin) hatten entweder noch nichts von ihnen gehört oder hielten sie für völlig irrelevant („die sprechen glaub ich gar kein Deutsch mehr“). Manche der Dörfer, durch die wir fuhren, hatten allerdings deutsch klingende Namen.

Die Dörfer waren ansonsten zwar von einem einheitlichen Siedlungstyp (langgestreckt auf jeder Straßenseite eine Reihe Häuser, dahinter wohl Gärten bzw. Felder, also sog. Reihendörfer), aber waren doch recht unterschiedlich: manche sehr sauber, aufgeräumt, andere deutlich ärmer, z.T. heruntergekommen mit vielen kaputten Häusern und Schildern mit „Elgado“ (meint: zu verkaufen). Am ärmlichsten war eins, was uns beide unwillkürlich an eine Roma-Siedlung denken ließ von dem Aussehen der Menschen auf den Straßen her, dem Zustand der Häuser und z.B. von Brunnen vor den Häusern, aus denen Frauen gerade Wasser holten.

Reihendorf

In manchen Dörfern tauchten endlich auch mal Storchennester auf, allerdings weitaus wenige, als ich immer mir Ungarn assoziiert hatte. Auch einige von den weißen Rindern mit den langen Hörnern, die zu meinem Bild der Puszta gehören, waren zu sehen (aber hier war keine Puszta = Einöde, sondern weit gestreckte, leicht hügelige grüne Felder). Je näher wir an Pecs kamen, desto hügeliger wurde das Land, das war das Mecsek-Gebirge.

Pecs ist eine wirklich sehenswerte mittelgroße Stadt (ca. 160.000 EW) mit wunderschöner Altstadt, die offensichtlich herausgeputzt worden war, als Pecs in 2010 europäische Kulturhaupstadt war gemeinsam mit Istanbul. Die Stadt war erstaunlich sauber, es lag fast gar kein Müll herum. Es gibt eine Universität, an der man sogar auf Deutsch Medizin studieren kann (sicher hilfreich für Studenten, die den NC in Deutschland nicht schafften aber genügend Finanzkraft haben). Beim Bummel durch die Stadt konnten wir immer wieder junge Leute sehen, die Deutsch miteinander sprachen. Überhaupt war es z.B. in Restaurants kein Problem, sich auf Deutsch zu verständigen, denn viele der Service-Kräfte hatten schon jahrelang meist in Österreich gearbeitet, weil die Verdienste in Ungarn so niedrig sind (angeblich durchschnittlich 300 € pro Monat).

Wir sind übrigens im Hotel Palatinus untergekommen, ein unglaubliches früheres Grand Hotel mit Jugendstilfassade und einer Wahnsinns-Empfangshalle, entworfen 1915 für eine Familie Hamerli. Es lebt noch von dem Ruhm, dass Bela Bartok hier mal 1923 genächtigt hat und dass überhaupt viele berühmte Leute (wie wir) hier zu Besuch waren. Nach meinem Eindruck waren nicht viele Gäste da, was aber sicher auch an der Vor-Vor-Saisonzeit gelegen hat.

Palatinus2

Wir besuchten die St. Maria Kirche am zentralen Szechenti Ter (= Platz), die durch eine gewaltige Kuppel auffällt. Diese wiederum ist während der türkischen Besetzung der Stadt gegen Ende des 16. Jahrhunderts vom Pascha Kassim Ghasi erbaut worden. Das zugehörige Minarett ist abgerissen, aber die Kuppel erhalten. Man kann innen noch Zeichen der islamischen Zeit sehen, die nicht beseitigt wurden, was mir sehr gefallen hat. Eine Mihrab-Nische (Gebets-Nische) mit arabischen Schriftzügen aus dem Koran unter einem Kruzifix mit Christus kann man wohl nicht oft auf der Welt sehen.

Platz NischeMoschee

Danach besuchten wir auf dem Weg zum Dom das Vasarely-Museum. Victor Vasarely ist 1906 in Pecs geboren und hat dann die sog. Op-Art entwickelt, die „optische Kunst“, die durch geometrische Muster und Farben den Betrachter fasziniert. Mechthild meinte etwas ironisch, er habe mit seinen Werken geholfen, viele „moderne“ Wohnungen der 80er Jahre zu gestalten.

Vasarely1 Vasarely2

Der Dom, den wir an- und abschließend besuchten, ist nach meinem Eindruck im Vergleich zur oben beschriebenen Kirche/Moschee viel enger, düsterer, wenn auch auf seine Art beeindruckend. Da haben sich Ende des 19. Jahrhunderts viele Künster historisierend ausgetobt.

Wie beendet manch einen solchen Tag? Natürlich mit einem sehr guten Essen und zugehöriger Portion regionalen Weins auf einem der zentralen Plätze, auf denen man die Eingeborenen studieren kann. Danach noch eine Kostprobe vom besten Eis der Stadt (unsere Bewertung). Eindruck insgesamt: sehr viele junge Leute, sehr viele kleine Kinder, wenige sichtbare Alte, die oft ärmlich und/oder krank aussahen.

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