westliches Bulgarien Sofia

von Gabrovo aus bei Sonnenschein nach Westen auf meist sehr gut ausgebauter Landstrasse, aus der ca. 50km vor Sofia eine Autobahn wird. Hier können wir teilweise atemberaubende Überholmanöver von bulgarischen schnellen Wagen beobachten, die von hinten heranrasen, alle Geschwindigkeitsbegrenzungen und Überholverbote mißachten und ganz knapp vor dem entgegenkommenden Verkehr nach rechts ziehen und sich zwischen zwei Wagen drängen. Die Häufigkeit der Grabstellen an den Strassenrändern erklärt sich einem rasch. Anders als bei uns gibt es hier auch keine totgefahrenen Igel oder Hasen sondern eher größere Tiere wie Füchse, Dachse und natürlich Katzen und Hunde, die hier meist frei umherlaufen. – Unterwegs kaufen wir noch in einem kleinen Shop an der Strasse ein paar Teller mit dem typischen Muster der Keramik aus Trojan. Von solchen Tellern haben wir schon an den unterschiedlichsten Orten gegessen, und der Shopska-Salat schmeckt davon besonders gut.

Sofia ist plötzlich Großstadt (über 1 Mio. Einwohner), völlig anderer Ort im Vergleich zu den kleinen Städten, die wir bisher kennengelernt haben, Prachtbauten, alle Ministerien des Landes konzentriert im Stadtzentrum, breite Straßen, viel Verkehr, wie es sich eben für eine Landeshauptstadt auch gehört. Unser Hotel „Magic Castle“ liegt für Erkundungszwecke hervorrragend, 200m weiter ist die Metro-Station „Europäische Union“ (die EU hat die Metro-Linie 2 weitgehend finanziert), eine Fahrt mit der Bahn kostet 1 Lev! Zwei Stationen gefahren und wir sind in der Stadtmitte, Bahnhof Serdicka (ist auch der alte Name von Sofia). Das Hotel ist im Familien-Besitz

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und errichtet im Haus des Großvaters Evastati Christov Karajontchev, der der berühmteste bulgarische Magier und Illusionist war und unter dem Namen „Mister Senko“ auftrat. Die Tradition hat sich in der Familie gehalten, die Eltern der jetzigen Besitzerin sind ebenfalls berühmte Zauberer, der Vater hat einen dem Oskar entsprechenden Preis und 2014 einen berühmten Internationalen Preis für sein Lebenswerk bekommen. Wir haben ihn kennengelernt, und Gottseidank hat er versprochen, uns nicht verschwinden zu lassen!

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Es muss auch mal gesagt werden, dass die Sofienser Metro nicht nur sehr neu ist, sondern auch sehr sauber! Es gibt nirgendwo Papierkörbe, aber nirgendwo liegt Müll herum! Die Wände der Station sind nicht verschmiert, die Wagen nicht angesprayt, die Scheiben nicht zerkratzt – so was habe ich noch nirgendwo gesehen! Bravo Sofia!

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Auf dem Platz auf einer hohen Säule steht seit 2001 eine Statue einer Frauenfigur (Sofia); auf dem Sockel stand früher Lenin! In den Reiseführern ist die Statue als „Heilige Sofia“ bezeichnet, auf dem Stadtplan, den wir im Hotel bekamen, wird erzählt, dass die Frauenfigur als zu erotisch und zu heidnisch angesehen worden sei und deshalb nicht die Beigabe „heilig“ erhalten habe.

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Im Innenhof eines großen Gebäudekomplexes aus Hotel und Geschäften und Parlament gegenüber steht das älteste Gebäude Sofias, die sog. Rotunde aus dem 4. Jhdt. vor Christus. Sehr beeindruckendes Gebäude, jetzt orthodoxe Kirche, alte Fresken an den Wänden.

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Ein paar Meter weiter sind wir in einem großen Park, die Wasserspiele sind in Betrieb, heute ist ja Ostermontag, die Sonne scheint warm und Hunderte von Leuten nutzen das so wie wir und flanieren und genießen den Tag. Hier gibt es auch noch Schachspieler! Ein alter Mann, der mit einem vielleicht 12jährigen Jungen spielt, fordert mich zu einer Partie auf, aber ich traue mich nicht, halte mich für zu schlecht.

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Weiter auf dem großen Boulevard Richtung Metro-Station Universität, wo die Touristen-Information sein soll, aber die hat schon zu. Wir besuchen dann die riesige Alesandar-Nevski-Kathredale, die Sitz des Patriarchen von Bulgarien ist. Diese orthodoxen Kuppelkirchen sind wirklich unglaublich beeindruckend, riesengroß, hoch, sehr viele Ikonen, Kerzen, wie schon mehrfach beschrieben auch hier ständiges Kommen und Gehen. Zur kleinen „Messe“ mit dem Popen und dem dreistimmigen Männerchor hat Mechthild schon im Oster-Kapitel etwas geschrieben. Uns fällt auch hier auf, wie die Gaben der Gläubigen rasch „abgefertigt“ werden: die Osterglocken, die man vor der Kathedrale kaufen kann, werden achtlos wirkend irgendwo abgelegt, keine der Kerzen brennt ganz ab, immer sind mehrere Frauen in Kitteln unterwegs und schmeißen die Kerzen in einen wassergefüllten Eimer, wenn sie bis auf 2/3 abgebrannt sind.

Auf dem Rückweg zur Metro kommen wir noch über einen Flohmarkt, der wohl jeden Tag in Betrieb ist, und wo es neben dem üblichen Kitsch und Ikonen auch Militaria zu kaufen gibt wie Bajonette, Orden oder Feuerzeuge aus Patronen mit Hakenkreuz und SS-Zeichen! Ein Händler bestätigt mir, dass diese Feuerzeuge in Bulgarien hergestellt wurden und nicht aus China stammen, aber Originale aus dem Krieg sind sie eben auch nicht. Trotzdem wird es eine Menge deutscher Touristen geben, die das gern kaufen.

Am Dienstag machen wir in Kultur, besuchen das Nationale Archäologische Museum, in dessen 3. Stock auch wieder Goldschätze der Thraker ausgestellt sind. Diese Leute waren wirklich beeindruckend in ihren Leistungen vor über 5-6000 Jahren, und wie das Photo zeigt, haben sie auch schon einen Plan für die Eisenbahn geschaffen.

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Nachmittags Shopping-Tour in der Fußgängerzone der ul. Vitosha; für mich kommen ein neues Paar Schuhe und ein Schal dabei heraus, für Mechthild „nur“ ein Schal. Die Sonne scheint zwar, aber der Wind pfeift noch. In der ul. Graf Ignatiev haben zahlreiche Buchhändler ihre Buden auf der Straße aufgebaut und bieten antiquarische Werke an, aber natürlich meist auf Bulgarisch und die wenigen englischen oder deutschen Werke sind mit einem Preis von 15 Lev unverschämt teuer (für solche Taschenbücher würde ich auf einem deutschen Flohmarkt höchstens 1 € zahlen). Nun denn, und die unentdeckte Gutenberg-Bibel gibt es hier leider auch nicht…

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Das Viertel ist aber interessant: weg von der Hauptstraße mit den Regierungsbauten und unglaublich breiten Prachtstraßen wird alles „normaler“, nicht mehr so herausgeputzt, bunter, auch mal mit Graffitis an den Wänden und die Gehsteige sind oft nicht die besten.

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Mittwoch ist unser letzter Tag in Sofia: was können wir machen? Noch ein Museum ist nicht sehr verlockend, es reicht auch. Wir erkundigen uns bei der Touristen-Information und fahren dann mit einem Taxi (die Preise sind unglaublich, für ein paar km Fahrt will der Fahrer 3,03 Lev haben!!) zur Bodenstation eines der vielen Ski-Lifte! Von dort geht es hoch in das Vitosha-Gebirge bis auf 1800m Höhe; dort ist die letzte Hütte, man sieht den Gipfel mit seinen 2300m vor sich. Natürlich liegt dort Schnee, natürlich wird dort oben noch Ski gefahren, die Sonne brennt, der Kaffee im „Panorama-Restaurant“ im Pappbecher schmeckt scheußlich, aber die Fahrt hoch in der Gondel und der Blick auf Sofia im Tal sind sehr beeindruckend. Dass diese Millionenstadt schon am Stadtrand, nur ca. 10km vom Zentrum entfernt, tolle Skigebiete hat, ist überraschend.

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Rest des Tages: Cafe, bummeln, Cafe, bummeln … Abends wollen wir dann im bulgarischen Restaurant neben unserem Hotel noch was essen, und treffen gerade noch das dreiköpfige Personal an, welches schon geschlossen hatte und die Pforte zur Strasse abschloß. Es war eben kein Gast mehr da, und da wollten alle nach Hause gehen (wahrscheinlich waren überhaupt nicht viele Gäste da gewesen, denn es ist eben noch nicht Hochsaison). Aber toll ist, dass ohne weitere Diskussion alles rückgängig gemacht wird und wir beide allein im Restaurant unseren Shopska-Salat sowie Schweineschnitzelchen essen können sowie einen bulgarischen Cabernet trinken. Ich bin sicher, in einem deutschen Restaurant hätten wir gehört „wir haben geschlossen“.

 

 

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